Vortrag ‚Energie in Bürgerhand‘ am 15.11.2013

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„Energie in Bürgerhand – Zukunftsmodell Bürgerenergiegenossenschaft?“

Am Freitag, den 15.11.2013 fand um 20.00 Uhr in der Gaststätte Kösters unsere Veranstaltung mit Dipl.Ing. Gunnar Gantzhorn von der Fa. Agrokraft aus Neustadt/Bayern statt.
Eingeladen waren alle Interessierten aus der ganzen Region zu dieser Infoveranstaltung. Kernthema war Sinn und Nutzen einer ‚echten‘ Bürgerenergiegenossenschaft im Gegensatz zu den hier in der Gegend zunehmend angebotenen ‚Bürgerbeteiligungsmodellen‘ diverser Firmen, die Windenergieanlagen bauen wollen – wie kürzlich in Bülstedt geschehen. Oder der ‚Bürgerbeteiligung‘ bei den Stromnetzen, wie die EWE es derzeit vielen Gemeinden im Umkreis anbietet und was ebenfalls am Ende lediglich die EWE erfreuen dürfte!

Den Fachvortrag hielt Herr Gunnar Gantzhorn, dessen Firma ‚Agrokraft‘ Dörfer berät, die die Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft anstreben. Herr Gantzhorn ist daher unabhängig von EE-Projektiererinteressen und aus diesem Grund haben wir ihn engagiert. Die Fa. Agrokraft ist entstanden aus dem bayrischen Bauernverband und ihr Bestreben liegt darin, LandwirtInnen und BürgerInnen auf dem Land vor der Vereinnahmung durch solche EE-Projektierer zu schützen und ihnen gleichzeitig Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie selbst durch Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft ihre Energie erzeugen, verwalten und eben auch die Gewinne selbst abschöpfen können. Die Wertschöpfung soll zu 100% im Dorf bleiben!

Der große Vorteil einer Bürgerenergiegenossenschaft (BüEnGe) besteht laut Gantzhorn in dem gemeinsamen Tun der Dorfgemeinschaft. Eine EE-Anlage wird in Abstimmung mit den BürgerInnen und den Landwirten eines Dorfes und von einer aus BewohnerInnen des Dorfes gegründeten BüEnGe geplant und betrieben. Dadurch entsteht kein Neid untereinander, wie in anderen Dörfern geschehen, wo Projektierer einzelne Landwirte gegeneinander ausspielen und die Bevölkerung des Dorfes nicht gefragt und/oder einbezogen wird in die Planungen. Das schafft Misstrauen! Ziel einer BüEnGe hingegen ist es, dass sich die Nachbarn auch mit EE-Anlagen im Dorf hinterher noch ins Gesicht sehen können…

Die Wertschöpfung bleibt bei einer BüEnGe zu 100% im Dorf oder der Region. Davon profitieren einheimische Betriebe, die betroffenen Landwirte und letztlich die Bevölkerung, in dem gemeinnützige und/oder öffentliche Einrichtungen im Dorf (zB. KiTas, Vereine) von den Gewinnen der BüEnGe geschaffen oder unterstützt werden können, was wiederum allen BewohnerInnen des Dorfes zugute kommt!

Als Beispiel eines solchen gelungenen Projektes einer BüEnGe stellte Herr Gantzhorn die Tribünenüberdachung mit PV-Anlage im Stadion eines 1000-Seelen-Dorfes vor. Diese Tribünenüberdachung wurde finanziell nur möglich durch die Planung der PV-Anlage durch die BüEnGe des Dorfes auf dem Dach. Dies ist eine typische ‚win-win‘-Situation, wenn eine BüEnGe aus der Dorfgemeinschaft entsteht.

Mindesteinlage für Mitglieder einer BüEnGe sind € 100,00. Somit ist es für viele BürgerInnen möglich Mitglied zu werden und nach dem Grundsatz jeder Genossenschaft (1 Mensch – 1 Stimme) bei der energetischen Entwicklung seines/ihres Dorfes mitzubestimmen. Bei einer Kapitalgesellschaft hingegen (zB. Modell von REON) heisst der Grundsatz € 1,00 – 1 Stimme!

Als ersten Schritt empfiehlt Herr Gantzhorn alle Flächen im Dorf zu sichern, d.h. mit den Landwirten zu sprechen, dass sie die Flächen für eine mögliche BüEnGe reservieren und sich nicht wie vielerorts schon geschehen von Projektierern über den Tisch ziehen zu lassen, indem sie ihnen die Flächen für 5 – 10 Jahre zur Verfügung stellen. Damit sind die Flächen für eine BüEnGe nicht mehr nutzbar!

Am Ende ging Herr Gantzhorn noch auf die momentane politische Großwetterlage ein, die in bezug auf das EEG und seine Förderung der EE nichts Gutes verheisst. Die Stromkonzerne arbeiten gemeinsam mit der derzeitigen Bundesregierung und Herrn Altmeier daran, die Energiewende, die sie vorne preisen, durch die Hintertür wieder zu demontieren und am liebsten wollen sie sie teilweise sogar wieder ganz abschaffen! Trotz der massiven Kürzung der PV-Förderung und dem damit einhergehenden PV-Firmensterben ging der Ausbau der PV-Anlagen in Bürgerhand auch in 2012 unvermindert weiter, sodass inzwischen von den 28% EE-Anteil im Strommix bereits über 20% in Bürgerhand liegt. Die großen Stromkonzerne haben den Anschluss verpasst und versuchen sich nun über Lobbyarbeit in der Politik (massive Kürzungen in allen EE-Bereichen weiter geplant) und mit eigenen Großprojekten (zB. Offshore-Windenergie) ihre Anteile zu sichern.

Sie wollen zudem uns Bürgern weismachen, dass das EEG/die Energiewende für die Strompreiserhöhung als Verursacher feststeht. Dagegen ist es so, dass die großen Stromkonzerne die Strompreiserhöhungen an der Börse 1:1 an die EndverbraucherInnen weitergeben, wogegen sie die Senkungen des Strompreises an der Börse in ihre eigenen Taschen stecken. So haben sie in den letzten Jahren ihre Profite bis zum 10-fachen steigern können (Info Bundesnetzagentur, 2012)!

Umso wichtiger, sagte Herr Gantzhorn zum Schluss, sei es jetzt für uns BürgerInnen weiterzumachen mit der ‚Energiewende in Bürgerhand‘, um nicht nur die eigene Lebensqualität im Dorf und den globalen Klimaschutz auf der Welt voranzutreiben, sondern um auch die Möglichkeit der Mitbestimmung der energiepolitischen Zukunft kreis-, landes- und bundesweit nicht den großen Konzernen RWE, Vattenfall, EON und EnBeW zu überlassen.

Alle ZuhörerInnen, die bis zum Schluss aufmerksam und interessiert seinen Ausführungen und den anschliessenden Beiträgen aus dem Publikum lauschten, spendeten Beifall und waren sich sicher, dass sich ihre Teilnahme an dieser Veranstaltung gelohnt hat!

Gesponsort wurde diese Veranstaltung von Conrad Bölicke, Artefakt Wilstedt.

Wir danken Gunnar Gantzhorn für seinen lebendigen, leicht verständlichen und engagierten Vortrag und dass er dafür den weiten Weg nach Bülstedt auf sich genommen hat!

Und wir danken Conrad ganz besonders, dass er es uns ermöglicht hat, diese für unsere Region einmalige und gerade in der derzeitigen energiepolitischen Entwicklung wichtige Veranstaltung durchführen zu können.

Hier ein paar Fotos von diesem Abend…

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